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Und wie waren Ihre Eindrücke, Herr Sanctum?
Flavio Sanctum erzählt in diesem Interview von den Unterschieden zwischen der Arbeit in Deutschland und Brasilien. Er kommt aber zu dem Schluss, dass "Jugendliche eigentlich doch überall gleich sind: Ob sie jetzt in Brasilien oder in Deutschland leben, dieses Alter hat doch seine ganz eigene Dynamik". Lest selbst...
Flavio Sanctum, was ist das Besondere am Forum-Theater?Das Forum Theater ermöglicht den Dialog und gibt dem sonst passiven Zuschauer die Möglichkeit, aktiv mitzumachen. Die Handlung auf der Bühne muss dann natürlich improvisiert werden, denn man weiß ja noch nicht wie sich die Situation verändern wird. Die Herausforderung für die Schauspieler liegt darin, in ihrer Figur zu bleiben währen sie sich der neuen Situation anpassen.
Was kann das Theater der Unterdrückten in Konfliktsituationen leisten?
Das Theater der Unterdrückten zeigt den Menschen, dass es auch andere Möglichkeiten gibt um Probleme zu lösen, als Krieg und Gewalt. Friedliche Lösungen sind möglich. Das Theater ist eine Arbeit in die auch der Körper und nicht nur der Geist mit einbezogen wird. Dies eröffnet den Akteuren neue Perspektiven auf die Selbstwahrnehmung. Auf der Bühne wird das Problem dann vielleicht erst mal vergrößert dargestellt aber dadurch kann man leichter erkennen, was das Problem eigentlich ist. Zuschauer und Schauspieler werden zum Nachdenken angeregt.
Was sind die wichtigsten Themen, die in Brasilien im Forum-Theater aufkommen?
Wiederkehrend sind es wohl Probleme der Landvergabe und der Agrarreform. Dann natürlich die Arbeitslosigkeit. Brasilien hat das Problem, dass hochqualifizierte Kräfte gesucht werden, es aber nicht ausreichend gute Bildungsmöglichkeiten für die Bevölkerung gibt. Für Frauen spielt häusliche Gewalt eine große Rolle. Noch immer werden viele Frauen im häuslichen Umfeld vergewaltigt, sie haben aber kaum Möglichkeiten, sich auszutauschen. Dann ist der Drogenhandel ein Konfliktthema. Das Geschäft zieht viele junge Leute an, da man in kurzer Zeit viel Geld verdienen kann. Allerdings verliert man in dieser Branche auch sehr schnell sein Leben.
Was kann das Theater der Unterdrückten in Konfliktsituationen leisten?
Das Theater der Unterdrückten zeigt den Menschen, dass es auch andere Möglichkeiten gibt um Probleme zu lösen, als Krieg und Gewalt. Friedliche Lösungen sind möglich. Das Theater ist eine Arbeit in die auch der Körper und nicht nur der Geist mit einbezogen wird. Dies eröffnet den Akteuren neue Perspektiven auf die Selbstwahrnehmung. Auf der Bühne wird das Problem dann vielleicht erst mal vergrößert dargestellt aber dadurch kann man leichter erkennen, was das Problem eigentlich ist. Zuschauer und Schauspieler werden zum Nachdenken angeregt.
Was sind die wichtigsten Themen, die in Brasilien im Forum-Theater aufkommen?
Wiederkehrend sind es wohl Probleme der Landvergabe und der Agrarreform. Dann natürlich die Arbeitslosigkeit. Brasilien hat das Problem, dass hochqualifizierte Kräfte gesucht werden, es aber nicht ausreichend gute Bildungsmöglichkeiten für die Bevölkerung gibt. Für Frauen spielt häusliche Gewalt eine große Rolle. Noch immer werden viele Frauen im häuslichen Umfeld vergewaltigt, sie haben aber kaum Möglichkeiten, sich auszutauschen. Dann ist der Drogenhandel ein Konfliktthema. Das Geschäft zieht viele junge Leute an, da man in kurzer Zeit viel Geld verdienen kann. Allerdings verliert man in dieser Branche auch sehr schnell sein Leben.
Wie lange dauert die Arbeit mit einer Gruppe?
Gewöhnlich dauert ein Projekt des CTO 1,5 Jahre. Im ersten Schritt sammelt die Gruppe mit der wir arbeiten Erfahrungen mit dem Theater der Unterdrückten. Später werden diese Erfahrungen auch im Alltag genutzt. Nach einigen Monaten gibt es eine Evaluation gemeinsam mit einem "Joker" und erneut einen Workshop, in dem die Techniken verbessert und vertieft werden. Die Multiplikatoren lernen, wie man die Übungen anwendet und wie man ein Stück erfolgreich inszenieren kann. Es ist ein ständiger Prozess, bei dem man dazu lernt und sich verbessert.
Arbeitet das Theater der Unterdrückten auch mit den Unterdrückern, oder immer nur mit den Unterdrückten? Kann ohne diese überhaupt eine Veränderung stattfinden?
Das Theater der Unterdrückten geht davon aus, dass man nur mit der Kraft des Unterdrückten auch die Unterdrücker ändern kann. Es ist weniger sinnvoll, sich auf den Aggressor zu beschränken, denn er befindet sich in der komfortableren Position. Warum sollte er sein Verhalten ändern? Er muss erst den Wunsch haben, sich zu ändern und dieser Wunsch reift durch das Theater der Unterdrückten in allen, die daran teilhaben. Zum Beispiel arbeiten wir mit dem Wachpersonal in Justizvollzugsanstalten. Dort sind sie oft die Unterdrücker, oder werden von den Insassen so wahrgenommen. Durch das Theater erzählen sie aber auch von ihren Konflikten und ihren persönlichen Erlebnissen, in denen sie sich als Unterdrückte fühlen. Jeder Mensch ist also beides, Unterdrückter und Unterdrücker. Die Reflektion zu den Themen der Stücke findet daher auch auf beiden Seiten statt. Eine schöne Anekdote fällt mir da ein: Nach einem Workshop in einem Gefängnis fragten wir einen Wächter, was er über Menschenrechte wisse. Gar nichts, meinte er, aber ihm sei jetzt klar geworden, dass die Gefangenen auch Menschen seien.
Gewöhnlich dauert ein Projekt des CTO 1,5 Jahre. Im ersten Schritt sammelt die Gruppe mit der wir arbeiten Erfahrungen mit dem Theater der Unterdrückten. Später werden diese Erfahrungen auch im Alltag genutzt. Nach einigen Monaten gibt es eine Evaluation gemeinsam mit einem "Joker" und erneut einen Workshop, in dem die Techniken verbessert und vertieft werden. Die Multiplikatoren lernen, wie man die Übungen anwendet und wie man ein Stück erfolgreich inszenieren kann. Es ist ein ständiger Prozess, bei dem man dazu lernt und sich verbessert.
Arbeitet das Theater der Unterdrückten auch mit den Unterdrückern, oder immer nur mit den Unterdrückten? Kann ohne diese überhaupt eine Veränderung stattfinden?
Das Theater der Unterdrückten geht davon aus, dass man nur mit der Kraft des Unterdrückten auch die Unterdrücker ändern kann. Es ist weniger sinnvoll, sich auf den Aggressor zu beschränken, denn er befindet sich in der komfortableren Position. Warum sollte er sein Verhalten ändern? Er muss erst den Wunsch haben, sich zu ändern und dieser Wunsch reift durch das Theater der Unterdrückten in allen, die daran teilhaben. Zum Beispiel arbeiten wir mit dem Wachpersonal in Justizvollzugsanstalten. Dort sind sie oft die Unterdrücker, oder werden von den Insassen so wahrgenommen. Durch das Theater erzählen sie aber auch von ihren Konflikten und ihren persönlichen Erlebnissen, in denen sie sich als Unterdrückte fühlen. Jeder Mensch ist also beides, Unterdrückter und Unterdrücker. Die Reflektion zu den Themen der Stücke findet daher auch auf beiden Seiten statt. Eine schöne Anekdote fällt mir da ein: Nach einem Workshop in einem Gefängnis fragten wir einen Wächter, was er über Menschenrechte wisse. Gar nichts, meinte er, aber ihm sei jetzt klar geworden, dass die Gefangenen auch Menschen seien.
Was hatten Sie für Erwartungen an den Workshop hier in Deutschland?
Im Workshop in Berlin waren Jugendliche aus vielen verschiedenen Ländern. Die Gruppe war also sehr durchmischt, und das habe ich auch oft in Brasilien. Eigentlich hatte ich damit gerechnet, dass die Jugendlichen hier in Deutschland verschlossener sein würden, aber sie waren sogar teilweise zu offen und so aktiv, so dass es manchmal schwierig war, sie wieder zielgerichtet zum Arbeiten an ihrem Stück zu bewegen. Irgendwie hatte ich sie mir ruhiger vorgestellt, nicht so vorlaut. Aber eigentlich finde ich, dass Jugendliche überall gleich sind: Ob sie jetzt in Brasilien oder in Deutschland leben, dieses Alter hat doch seine ganz eigene Dynamik.
Im Workshop in Berlin waren Jugendliche aus vielen verschiedenen Ländern. Die Gruppe war also sehr durchmischt, und das habe ich auch oft in Brasilien. Eigentlich hatte ich damit gerechnet, dass die Jugendlichen hier in Deutschland verschlossener sein würden, aber sie waren sogar teilweise zu offen und so aktiv, so dass es manchmal schwierig war, sie wieder zielgerichtet zum Arbeiten an ihrem Stück zu bewegen. Irgendwie hatte ich sie mir ruhiger vorgestellt, nicht so vorlaut. Aber eigentlich finde ich, dass Jugendliche überall gleich sind: Ob sie jetzt in Brasilien oder in Deutschland leben, dieses Alter hat doch seine ganz eigene Dynamik.
Was war anders in der Arbeit mit den Berliner Jugendlichen?
In meiner Funktion als "Joker" ist es meine Aufgabe, den Jugendlichen den Prozess der Themenfindung und die Arbeit daran zu erleichtern. Ich versuche, die Verbindung in der Gruppe herzustellen und unterstütze jeden Einzelnen dabei, sich wohl zu fühlen. Einige der Teilnehmer konnten zwar schon über Persönliches sprechen, nachdem sie eine Nacht darüber geschlafen hatten. Andere benötigten aber sehr viel mehr Zeit.
In Brasilien geht es meist sehr viel schneller, dass die konkreten Probleme der Gruppenteilnehmer zur Sprache kommen. Hier in Deutschland hatte ich das Gefühl, die Jugendlichen reden lieber über Probleme die jemand anders hat, etwas das sie in einem Film gesehen oder irgendwo gelesen haben, aber nichts was in ihrem ganz persönlichen Erfahrungsschatz liegt.
Warum ist das in Brasilien Ihrer Meinung nach leichter?
In Brasilien wird grundsätzlich viel über Probleme gesprochen. Dort sind sich die Menschen bewusst, dass es viel zu verbessern gibt. Ich denke, dass Europa eben zur "ersten Welt" gehört und die Leute daher glauben, sie hätten keine Probleme und Konflikte. Oder zumindest möchte man nicht darüber sprechen.
In meiner Funktion als "Joker" ist es meine Aufgabe, den Jugendlichen den Prozess der Themenfindung und die Arbeit daran zu erleichtern. Ich versuche, die Verbindung in der Gruppe herzustellen und unterstütze jeden Einzelnen dabei, sich wohl zu fühlen. Einige der Teilnehmer konnten zwar schon über Persönliches sprechen, nachdem sie eine Nacht darüber geschlafen hatten. Andere benötigten aber sehr viel mehr Zeit.
In Brasilien geht es meist sehr viel schneller, dass die konkreten Probleme der Gruppenteilnehmer zur Sprache kommen. Hier in Deutschland hatte ich das Gefühl, die Jugendlichen reden lieber über Probleme die jemand anders hat, etwas das sie in einem Film gesehen oder irgendwo gelesen haben, aber nichts was in ihrem ganz persönlichen Erfahrungsschatz liegt.
Warum ist das in Brasilien Ihrer Meinung nach leichter?
In Brasilien wird grundsätzlich viel über Probleme gesprochen. Dort sind sich die Menschen bewusst, dass es viel zu verbessern gibt. Ich denke, dass Europa eben zur "ersten Welt" gehört und die Leute daher glauben, sie hätten keine Probleme und Konflikte. Oder zumindest möchte man nicht darüber sprechen.
Mit was für Themen setzten sich die Jugendlichen in dem Workshop in Berlin auseinander?
Ich war ehrlich gesagt überrascht von der Themenfindung. Ich muss sagen, dass ich nicht mit so viel Gewalt an Schulen gerechnet hatte. Für die Jugendlichen war es das beherrschende Thema und letztlich spielte auch das Stück, das wir ausgearbeitet haben, in einer Schule, in der es sehr gewalttätig zugeht. Besonders geschockt hat mich die Bereitschaft der Schüler im Stück zu handfesten physischen Auseinandersetzungen. Ich hatte bisher geglaubt, so etwas gebe es nur im Fernsehen oder allenfalls in den USA.
Es gab auch andere Probleme welche die Jugendlichen beschäftigt haben, die Scheidung der Eltern zum Beispiel. Sehr viele der Jugendlichen sehen sich auch tagtäglich rassistischen Anfeindungen ausgesetzt. Darüber haben wir lange gesprochen, aber ein Theaterstück wollten sie dann doch lieber nicht darüber machen
Ich war ehrlich gesagt überrascht von der Themenfindung. Ich muss sagen, dass ich nicht mit so viel Gewalt an Schulen gerechnet hatte. Für die Jugendlichen war es das beherrschende Thema und letztlich spielte auch das Stück, das wir ausgearbeitet haben, in einer Schule, in der es sehr gewalttätig zugeht. Besonders geschockt hat mich die Bereitschaft der Schüler im Stück zu handfesten physischen Auseinandersetzungen. Ich hatte bisher geglaubt, so etwas gebe es nur im Fernsehen oder allenfalls in den USA.
Es gab auch andere Probleme welche die Jugendlichen beschäftigt haben, die Scheidung der Eltern zum Beispiel. Sehr viele der Jugendlichen sehen sich auch tagtäglich rassistischen Anfeindungen ausgesetzt. Darüber haben wir lange gesprochen, aber ein Theaterstück wollten sie dann doch lieber nicht darüber machen
Das Projekt beschäftigt sich ja auch mit globalem Lernen. Was lernen die Jugendlichen in Brasilien in der Schule über Afrika und auch Europa?
Ich denke, dass die Brasilianer das Problem haben, andere Länder sehr hoch einzuschätzen, während sie sich selbst als eher minderwertig sehen. Es herrscht die Vorstellung, dass es ganz großartig sei, in Europa zu leben, wie im Paradies. Diese Bild kommt größtenteils aus dem Fernsehen. Wenn man nach Europa geht hat man die Möglichkeit dort auch Geld zu verdienen, so glaubt man in Brasilien. Afrika hingegen wird in Brasilien als ein Kontinent dargestellt mit sehr armen Ländern, die unter Krankheiten wie AIDS leiden. Dabei ist Brasilien genau so arm und hat genau so viele Probleme. Dennoch sehen sich die Brasilianer auf einer höheren Stufe als die Afrikaner. Erst werden die Armenviertel Afrikas gezeigt und danach Bilder von der Schönheit Brasiliens wie Ipanema oder der Christus Statue in Rio de Janeiro.
In der Schule wird nur wenig darüber gesprochen. Diese Bilder kommen hauptsächlich aus den Medien. Was man in der Schule lernt, sind höchstens historische Aspekte, zum Beispiel, wie der Sklavenhandel die Farbigen nach Brasilien brachte.
Ich denke, dass die Brasilianer das Problem haben, andere Länder sehr hoch einzuschätzen, während sie sich selbst als eher minderwertig sehen. Es herrscht die Vorstellung, dass es ganz großartig sei, in Europa zu leben, wie im Paradies. Diese Bild kommt größtenteils aus dem Fernsehen. Wenn man nach Europa geht hat man die Möglichkeit dort auch Geld zu verdienen, so glaubt man in Brasilien. Afrika hingegen wird in Brasilien als ein Kontinent dargestellt mit sehr armen Ländern, die unter Krankheiten wie AIDS leiden. Dabei ist Brasilien genau so arm und hat genau so viele Probleme. Dennoch sehen sich die Brasilianer auf einer höheren Stufe als die Afrikaner. Erst werden die Armenviertel Afrikas gezeigt und danach Bilder von der Schönheit Brasiliens wie Ipanema oder der Christus Statue in Rio de Janeiro.
In der Schule wird nur wenig darüber gesprochen. Diese Bilder kommen hauptsächlich aus den Medien. Was man in der Schule lernt, sind höchstens historische Aspekte, zum Beispiel, wie der Sklavenhandel die Farbigen nach Brasilien brachte.






